Mal
was anderes
Drei-Sterne-Pommes
Zugegeben:
Wir fahren nach Bochum-Wattenscheid und sind erst einmal überrascht.
Wir hatten den Tipp bekommen In Wattenscheid führt
ein Drei-Sterne-Koch eine Pommesbude. Zumindest hätten
wir irgendeinen Hinweis von außen erwartet, welchen Pommes-Gourmet-Freuden
der Gast im Inneren entgegensieht. Aber nein: Wir stehen vor einer
der zigtausend völlig normalen Grillstuben des Ruhrgebiets
und treten ein.
Auf
den ersten Blick sieht es dort aus, wie in jeder x-beliebigen
Frittenschmiede. Aber dann fällt uns eine Pfanne auf, in
der Schnitzel gebraten und nicht wie sonst üblich
in einer Friteuse landen. Ein zweiter Blick auf den Ruhrgebiets-Klassiker
Pommes-Currywurst-rot-weiß offenbart, dass wir mehr auf
Details achten sollten: Ein Zweig Petersilie ziert den appetitlich
angerichteten Teller.
Raimund Ostendorp ist Drei-Sterne-Koch und steht nicht in der
Küche eines Nobel-Restaurants oder -Hotels, sondern hinter
dem Tresen seines eigenen, privaten Glücks dem Profi-Grill
in Wattenscheid. Ich war es leid, wie der Teil eines Uhrwerks
unter ständiger höchster Anspannung nur noch zu funktionieren,
ohne Kontakt zu den Gästen zu haben, erklärt der
33jährige seinen Schritt aus der Haute Cuisine in die Imbisswelt.
Von der ständigen elitären Küche habe er genug
und an achtenswerter Erfahrung mangelt es ihm nun wirklich
nicht: Sieben Jahre lang lernte Ostendorp die hohe Kochschule.
So zum Beispiel im Kaiserswerther Schiffchen unter der Regie des
bekannten Gourmet-Koches Jean-Claude Bourgueil oder im Kölner
Chez Alex. Danach fragte er sich: Was soll jetzt noch kommen?
Noch mehr Stress und Distanz zum Publikum? Noch mehr Sterne? Aus
einem Gag Mach doch einfach eine Pommesbude auf
wurde für Ostendorp dann der Traum seines Lebens.
Der
lange Weg vom Gag zum Lebenstraum
Er ist jetzt in Wattenscheid zu Hause und in eine Gemeinschaft
integriert, wie sie ruhrgebiets-idyllischer kaum sein könnte.
Neben dem LKW-Fahrer sitzen zwei ältere Männer in dunklen
Anzügen, neben dem Rentner in Ballonseidenkluft Yuppies
alle geben sich hier ein gemeinsames, friedliches Stelldichein
und schätzen diese Atmosphäre und die Gerichte von Ostendorp.
Und die sind eigentlich nichts Besonderes Pommes, Schnitzel,
Frikadelle.
Die wahren Geheimnisse liegen wie so oft im Verborgenen:
Die Frikadellen sind selbst hergestellt, die Soßen nach
eigenen Rezepten zubereitet, das Ausgangsmaterial
für den Krautsalat stammt aus dem Garten von Ostendorps Vater
und auf Wunsch bereitet der Küchenchef für den nächsten
Besuch eines Stammkunden auch andere Gerichte zu, wie z.B. eine
hausgemachte Linsensuppe, die er gerade zwei Managern zum mittäglichen
Geschäftsessen anbietet. Sie ist halt doch etwas Besonderes
die kleine Welt des Raimund Ostendorp in Wattenscheid.
Obwohl: So klein scheint sie gar nicht zu sein, denn egal ob Ministerpräsident
Clement, Dr. Stratmann oder die EDV-Elite der nahe
gelegenen Phenomedia-Moorhuhn-Schmiede alle lassen es sich
im Profi-Grill schmecken.
Prominente von Nah und Fern lassen sich
hier verwöhnen
Und so schauen wir uns diese Ruhrgebiets-Idylle beim Abschied
noch einmal etwas genauer an und sind schon etwas neidisch. Das
alles aufgeben, um einem weiteren Stern hinterher zu laufen? Wenn
man mir auf die Schulter klopft, fühle ich mich viel wohler.
Es ist gut zu wissen, dass es auch dieses Ruhrgebiet noch gibt.
<Stand:
5. Dezember, 2001>
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