Lokale Informationen immer beliebter –
die Anzeigenblätter [Teil 1]

Sie waren verrufen. Sie galten lange Zeit aufgrund bundesdeutscher Rechtsprechung nicht einmal als Presseerzeugnisse. Sie wurden ungelesen weggeworfen. Sie haben sich durchgesetzt. Die Rede ist von den sogenannten „Anzeigenblättern“. In NRW ist der größte Anzeigenblatt-Verlag Deutschlands mit wöchentlich 72 erscheinenden Titeln beheimatet – die wvw- und ora-Gruppe.

Anzeigen in Zeitungen? Eine schockierende Vermengung von Redaktion und Werbung für vergangene Generationen. Erst nach der „Aufhebung des Intelligenzzwanges“ fanden 1849 Inserate ihren Weg in die Tageszeitungen. In dieser Zeit entstanden viele „Generalanzeiger“, „Anzeigenblätter“ und „Geschäftsanzeiger“, die sich teilweise durch Anzeigenwerbung finanzierten. Während die etablierten Medien sich an höhere Stände richtete, zielten die „Anzeiger“ auf die große Masse des Volkes. Ziel war jedoch immer eine Mischfinanzierung aus dem, vom Leser zu entrichtendem Kaufpreis und den Honoraren der werbungtreibenden Firmen.

Die modernen Anzeigenblätter des 20. Jahrhunderts gingen einen neuen Weg. Genau wie Tageszeitungen oder Zeitschriften bilden Anzeigenblätter eine Pressegattung eigener Art. Es handelt sich um periodische, ein- bis zweimal wöchentlich erscheinende Druckwerke, die unentgeltlich und unbestellt verbreitet werden. Sie finanzieren sich erstmals in der Mediengeschichte aus-schließlich aus Anzeigen. Der redaktionelle Teil verbreitet rein lokale Informationen.

Nach neuesten Untersuchungen (Horizont 29-2002) genießt Werbung in den Anzeigenblättern höchste Akzeptanz. 48,2 % der Befragten gaben an, sich in diesem Medium gerne Werbung anzusehen. Gut jeder dritte Konsument hat schon einmal aufgrund von Werbung in einem Anzeigenblatt das entsprechende Produkt gekauft. Noch höher ist der Anteil der Verbraucher, die sich mit dem beworbenen Produkt beschäftigt haben: Er beträgt 45,5 %. Lediglich Prospekte bzw. Beilagen (58,1 %) und Fernsehwerbung (50,2 %) werden häufiger als Kaufauslöser benannt.

Für die Werbung treibenden örtlichen Händler ist dies ein Traum und gleichzeitig auch das Erfolgsgeheimnis der Anzeigenblätter: Die Leser schätzen Anzeigenblätter als „wichtige und interessante Informationsquelle“. Beiliegende Prospekte werden gerne durchgeblättert. Das heißt nichts anderes als: Anzeigen verpuffen in ihren Aussagen nicht wirkungslos, sondern werden stark beachtet.

Die Auswirkungen sind deutlich: Trotz Konjunkturflaute konnten die Anzeigenblätter in 2002 einen neuen Reichweitenrekord erzielen. Der größte Verlag für Anzeigenblätter hat seinen Sitz in NRW. Die „Westdeutsche Verlags- und Werbegesellschaft (wvw)“ arbeitet hier in einer Verlagsgemeinschaft mit der „Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft“ – ora. Dahinter steckten die WAZ-Gruppe sowie bei der ora zusätzlich die Ruhr-Nachrichten.

Hatte die WAZ-Gruppe anfangs das Mediensegment der Anzeigenblätter im Tageszeitungsbereich mitgeführt erhielten diese am 1. April 1981 ihren Ritterschlag mit einer Verselbstständigung der Wochenblätter zur wvw. Gemeinsam mit der ora werden wöchentlich rund 4,8 Millionen Exemplare flächendeckend an fast alle Haushalte verteilt.

Neben der hohen Akzeptanz der Anzeigenwerbung und des lokal geprägten redaktionellen Inhaltes sehen die Geschäftsführer Stephan Sattler und Klaus Büssow auch die Profit-Center-Struktur als Erfolgsgeheimnis: „Wir haben das Unternehmen dezentral organisiert und die Verantwortung soweit als möglich delegiert. Die zentralen Dienstleistungen werden in Essen erstellt. Dadurch können sich unsere Mitarbeiter in den Geschäftsstellen voll und ganz auf den Kern ihrer unternehmerischen Aufgabe konzentrieren – den Kunden.“ 440 Mitarbeiter in Verkauf, Redaktion, Vertrieb und kaufmännischen Diensten, 3.850 Boten, drei Druckhäuser, fünf wvw-eigene und 11 externe Satzstellen – das ist das Potenzial der Anzeigenblätter der wvw und ora. Der Satz von vier Ausgaben entsteht derzeit im Medienhaus Blömeke. Hier laufen die Fäden der Ausgaben von Herne/Wanne-Eickel, Castrop-Rauxel, Kamen/Unna und Lünen zusammen. Wie dieser Zeitungssatz aktuell durchgeführt wird, was dafür notwendig ist und wie die nahe Zukunft aussieht, ist Thema in den nächsten eindruck-Ausgaben.

 

Von Bleisatz, Klebeumbruch und
den Grenzen der EDV [Teil 2]

„Als wir 1989 angefangen haben auch für die ORA-Gruppe zu arbeiten, kamen auf zwei Setzer ein Montierer. Heute sind es 12 Setzer, die einen Montierer beschäftigen“, so Klaus-Georg Rump, Geschäftsführer der Mediengruppe Blömeke über die Veränderungen im harten Geschäft des Zeitungssatzes. „Eine rundum moderne EDV zur Datenerfassung, -übermittlung und den notwendigen Umbruch ist auch nach dem aktuellen Stand der Technik noch nicht machbar“, erläutert Kurt-Joachim Fischer, Geschäftsführer der ORA-Gruppe. „Schon viele EDV-Anbieter haben versucht, für unsere äußerst komplexen Unternehmen eine Lösung zu finden. Alle sind an dieser Aufgabe gescheitert. Alleine die notwendigen Datenleitungen zum Transfer der Datenströme müssten ein bislang unvorstellbares Volumen bewältigen.“

Das Problem liegt auf der Hand: Es geht um 40 Geschäftsstellen, 72 erscheinende Zeitungstitel wöchentlich, unterschiedliche Erscheinungstage, endlose Möglichkeiten der Kombination von Titeln bei der Schaltung von Anzeigen, 16 Satzbetriebe und fünf Druckorte. Damit wird die große Stärke der WVW/ORA-Verlage auch gleich zur kaum lösbaren EDV-Frage: seine dezentrale Ausrichtung auf die Kunden vor Ort.
„Als wir mit den Anzeigenblättern gestartet sind, haben wir uns von Anfang an intensiv um die Kunden gekümmert, die vom Volumen her für die Tageszeitungen uninteressant waren“, so Fischer. „Diese lokale Ausrichtung auf die Bedürfnisse der kleinen Kunden hat uns stark gemacht.“

Heute muss sich ein Werbung treibendes Unternehmen, das die breite Masse der Menschen in einer Stadt oder einem Landkreis erreichen will, tatsächlich fragen, ob es auf die nahezu 100%ige Marktabdekkung der Anzeigenblätter verzichten kann. Sehr gut positionierte Tageszeitungen erreichen bis maximal 50% der möglichen Kunden. „Die Frage ist, ob es sich ein Unternehmen, dem es auf eine breite Ansprache ankommt, leisten kann, 50% der poten-ziellen Käufer außer Acht zu lassen“, führt Fischer aus.

Vom Grundgedanken der Vermarktung sind die WVW/ORA-Verlage als Profit-Center strukturiert. Gleichzeitig ist aber eine zentrale Verwaltung erforderlich, um z.B. die korrekte Rechnungs-Fakturierung zu ermöglichen. Die Konsequenz daraus? Ein Kunde erteilt in einer Geschäftsstelle X einen Anzeigenauftrag. Gleichzeitig möchte er, dass die Anzeige noch in den Ausgaben der Orte A, B, C und der Kombination Zerscheint. Der Sachbearbeiter vor Ort nimmt diesen Auftrag entgegen und faxt die Anzeige an alle zuständigen Geschäftsstellen. Die Anzeige wird anschließend vom zuständigen Satzbetrieb gesetzt und an alle Setzereien weitergeleitet, die die jeweiligen gewünschten Ausgaben betreuen. Der Extremfall: Eine Kleinanzeige soll in allen 72 Publikationen erscheinen. Die Folge: Die Anzeige wird 72 Mal erfasst. „Die Größe und Komplexität des Verlages ist so umfangreich, dass der eigentlich auf der Hand liegende Weg in der elektronischen Erfassung und Weiterverarbeitung scheitert“, so Fischer.
Das gewünschte Szenario sieht dagegen folgendermaßen aus: In allen Geschäftsstellen sind die Rechner untereinander vernetzt. Diese sind wiederum mit allen Geschäftsstellen verbunden. Anschließend ist die Vernetzung mit der Zentrale erforderlich. Dazwischen müssen 16 Setzereien und 5 Druckereien mit Daten beliefert werden.

Zusätzlich erschweren unterschiedliche Zeitungsformate eine einheitliche Durchführung. Denn die WVW ist eine 100%ige Tochter der WAZ Medien, die ORA eine gemeinsam geführte Gesellschaft der Lensing-Wolff Unternehmen (Ruhr-Nachrichten) und der WAZ Medien. WAZ und Ruhr-Nachrichten erscheinen jedoch in anderen Formaten. Die Maße der WAZ sind ca. 3% kleiner als die der Ruhr-Nachrichten. Dies führt aufgrund der jeweils gleichzeitig für die Anzeigenblätter eingesetzten unterschiedlichen Druckmaschinen ebenfalls zu unterschiedlichen Formaten der Anzeigenblätter. Eine ganzseitige Anzeige z.B. in der Ausgabe x entspricht nicht unbedingt einer ganzseitigen Anzeige in der Ausgabe y. Sind die Anzeigenbreiten bei der Anlieferung noch gleich, so müssen verschiedene Produktionswege eingeschlagen werden, um die unterschiedlichen Andruckbreiten in den jeweiligen Druckmaschinen zu berücksichtigen. Lediglich im Satz konnten moderne Technologien Einzug halten, wie Rump berichten kann: „Wir haben Mitte der neunziger Jahre als einer der verantwortlichen Satzbetriebe zur Verbreitung von Quark XPress in den Redaktionen beigetragen. Damals wurden die Texte in den Redaktionen per Schreibmaschine erfasst und bei uns wieder abgeschrieben. Heute ist das Layoutprogramm Quark XPress Standard in den Redaktionen.“ Nach dem Fotosatz kam im Hause Blömeke die Laserbelichtung und der Macintosh voll zum Zuge. Heute steht das Thema des elektronischen Ganzseitenumbruchs für die vier – aus dem Unternehmen Blömeke betreuten – Ausgaben der Anzeigenblätter im Fokus.

Die geschilderten Abläufe und Unternehmensprozesse haben Nachteile – das ist ohne Frage. Sie sind personalintensiv und führen zu mehrfacher Bearbeitung eines Vorganges. Dennoch sind sie ein wichtiger Teil der Anzeigenblätter in NRW, denn sie sind der Garant der dezentralen Ausrichtung. „Wir werden auch in der Zukunft nicht von diesem Kurs abweichen, sondern uns im Gegenteil noch stärker als der lokale Dienstleister positionieren, der um den Erfolg auch beim noch so kleinen Kunden kämpft“, so Fischer abschließend.

Die Anzeigenblätter Herne/Wanne-Eickel und Kamen/Unna
Nach der Theorie die Praxis [Teil 3]

Standen in den letzten beiden „eindruck-Ausgaben“ die zwei Bereiche des größten Anzeigenblatt-Verlages Europas im Fokus, geht es heute um zwei Beispiele – die Ausgaben Herne/Wanne-Eickel und Kamen/Unna, die beide bei Blömeke gesetzt werden.

Sie sind gleich und doch verschieden – die zwei Ausgaben der Anzeigenblätter aus Kamen/Unna und Herne/Wanne-Eickel. Erscheinung, Vertrieb, Ausrichtung bzw. Schwerpunkte – hierin unterscheiden sich die beiden Zeitungen. Nur in der Zielrichtung finden alle den gemeinsamen Nenner: die absolute Ausrichtung auf das lokale Geschehen vor der „Haustür“.

„Wir waren die erste Sonntagszeitung innerhalb des wvw-ora-Verlages und haben uns in Herne/Wanne-Eickel gegen einen Wettbewerber etabliert, der wesentlich länger am Markt war“, so Hans Schürmann, Objektleiter des Wochenblattes Herne/ Wanne-Eickel. Mittwochs und sonntags erscheinen jeweils 86.000 Exemplare der von ihm betreuten Zeitung. Die Abdeckungsquote in den Haushalten von Herne und Wanne-Eickel ist der Traum aller Werbung treibenden Unternehmen: Sie liegt bei 100 %.

„Wenn wir im Titel unserer Zeitung Herne/ Wanne-Eickel führen, haben wir uns dafür bewusst entschieden, um die betont lokale Ausrichtung zu verdeutlichen“, erläutert Schürmann. „Es ist nicht die Weltpolitik, die über unsere redaktionelle Ausrichtung bestimmt, sondern das Geschehen direkt vor der Haustür, die Konzentration auf den Menschen und seine Geschichte. Eine Neubürgerin in Herne hatte mir einmal ein sehr großes Kompliment gemacht. Wir seien für sie ein sehr guter Dienstleister gewesen, um die Stadt, das kulturelle, kirchliche, sportliche oder Vereins-Leben genau kennen zu lernen. Genau hierin sehen wir auch unsere Aufgabe.“

Auf zwei Aspekte ist Schürmann für das Wochenblatt besonders stolz: Zum einen ist dies die gute Zusammenarbeit mit den Werbegemeinschaften. Beispielsweise arbeiten im Stadtteil Wanne-Eickel fünf Werbegemeinschaften. In einigen Vorständen sind Mitarbeiter des Wochenblattes sogar aktiv tätig. Gemeinsam wird jährlich die Wahl „Gesicht des Sommers“, ein Modelcontest unter Frauen – und in diesem Jahr erstmalig auch unter Männern – durchgeführt. Die Resonanz ist riesengroß.

Zweiter Aspekt, der das Wochenblatt Herne/Wanne-Eickel auszeichnet, ist seine durchorganisierte Vertriebsstruktur. 120 Boten sind zweimal wöchentlich unterwegs, um die Zeitung in jedem Briefkasten Hernes zu deponieren. Wie zuverlässig dieses Team arbeitet, zeigt sich daran, dass selbst die Stadt Herne es nutzt – für die Verteilung der gelben Wertstoffsäcke des dualen Systems Deutschland. In diesem Jahr wird das Wochenblatt zusammen mit dem wvw/ora-Verlag übrigens auch erstmals dort Flagge zeigen, wo „das Herz des Ruhrgebietes einmal jährlich pulsiert“ – auf der Cranger Kirmes in Herne.

Eine ähnliche Struktur wie das Wochenblatt bietet der Stadtspiegel Kamen/Unna. Hier reicht das Einzugsgebiet der ersten Ausgabe von Holzwickede nach Unna. In einer zweiten, lokal angepassten Ausgabe werden Kamen, Bergkamen und Bönen abgedeckt. Knapp 87.000 Exemplare des Stadtspiegels werden mittwochs an alle Haushalte verteilt.

Auch hier ist die lokale Berichterstattung das A & O. Jeweils ein eigener Redakteur ist in Unna und in Kamen vor Ort, um das Geschehen dort einzufangen und darüber zu berichten. Zusätzlich sind ein Pauschalist, zwei Fotografen und eine Fülle an freien Mitarbeitern für die redaktionelle Seite der Zeitung im Einsatz. „Dabei berichten wir nicht nur über lokale Ereignisse, sondern beziehen auch klar Stellung“, so Brigitte Brennholt, Objektleiterin des Stadtspiegels Kamen/Unna. „Wir beleuchten ganz im Stil des klassischen Journalismus die Hintergründe, kommentieren und geben den Lesern so die notwendigen Informationen, um sich eine Meinung zu bilden.“

Vor allen Dingen versuche man einen eigenen unverwechselbaren Stil zu kreieren. „Die Eigenständigkeit der Berichte und der Redaktion ohne Anlehnung an die Tageszeitungen im Einzugsgebiet ist eine wichtige Maxime für uns“, so Brigitte Brennholt. „Nur so bringt der redaktionelle Teil unseren Lesern auch wirklich Nutzen.“

Besonderer Wert wird in Kamen/Unna auf die Förderung des Lesenachwuchses gelegt. In einer speziellen Rubrik „teens & trends“ wird diese Zielgruppe mit für sie interessanten Themen angesprochen. Dafür ist einer der Redaktions-Mitarbeiter tätig, der Kontakt in die „Szene“ hat und die Themen aufgreift, die für die Jugendlichen interessant sind. Dass er damit großen Erfolg hat, beweist die gute Resonanz.

Um die Anzeigenkunden kümmern sich fünf Kundenberater. „Das ist nun einmal unsere Stärke – kein Kunde und keine Anzeige ist zu klein. Jeder hat den gleichen, wichtigen Stellenwert und das spüren auch unsere Kunden“, erläutert Brennholt den Erfolg des Stadtspiegels Kamen/Unna.
Alle Zeitungen entstehen satztechnisch bei der Mediengruppe Blömeke. Mehrere tausend Kleinanzeigen sind wöchentlich zu setzen und werden im klassischen Klebeumbruch den Ausgaben zugeordnet (siehe eindruck-Ausgaben 07 und 08). Digital geht es von hier aus weiter in die einzelnen Druckhäuser. Brennholt hebt besonders die gute Zusammenarbeit mit Blömeke hervor: „Das Wichtigste ist für mich, immer dieselben Ansprechpartner zu haben. So ist die Arbeit viel reibungsloser und in kürzerer Zeit zu schaffen. Die Zeitungserstellung ist nun einmal immer von großer Hektik geprägt. Wenn dabei alles Hand in Hand läuft, erspart das eine Menge Stress. Ich kenne diese Problematik aus dem Tageszeitungssatz, in dem immer andere Mitarbeiter zuständig waren. In meiner langen Zusammenarbeit mit Blömeke haben die Mitarbeiter nie gewechselt. Man hat immer das gewünschte Ergebnis, ohne viel erklären zu müssen.“

In der nächsten Ausgabe von eindruck werden die Ausgaben aus Castrop und Lünen, der Anzeigenblätter vorgestellt, die ebenfalls bei Blömeke entstehen.

 

Anzeigenblätter [Teil 4]
Die wohl ältesten „Anzeigenblätter“ Deutschlands

Fast 50 Jahre sind beide auf dem Markt, der ORA-Verlag startete mit ihnen seinen erfolgreichen Weg. Sie erscheinen heute zweimal wöchentlich und haben in ihrer Leserschaft eine Akzeptanz, von der andere Zeitungen nur träumen können: der Lüner Anzeiger und der Stadtanzeiger Castrop-Rauxel. Beide Zeitungen entstehen satztechnisch in der Mediengruppe Blömeke.

„Wir stecken ganz bewusst mehr Geld in die Redaktion und sind auch dadurch zum eigentlichen Lokalmedium in Lünen geworden“, erläutert Ralf Darpe, Objektleiter des Lüner Anzeigers, seine Strategie. Diese Strategie geht offensichtlich auf, denn der Lüner Anzeiger verfügt über ein enormes Standing – das in erster Linie natürlich am Anzeigenvolumen gemessen wird. „Pro Ausgabe haben wir z.B. deutlich mehr als 600 Kleinanzeigen. Der Wettbewerber bringt es nicht einmal auf die Hälfte“, so Darpe weiter.

Eine Sparte bedingt die andere: Das hohe Anzeigenvolumen ist letztendlich ein Produkt der guten redaktionellen Arbeit. „Wir haben sehr viele Lüner, die mit Informationen ausdrücklich nur zu uns kommen, damit wir darüber berichten.“ 66.100 Exemplare landen zweimal wöchentlich in allen Postkästen in Lünen und Umgebung. Die redaktionelle Zielsetzung ist wie bei allen Anzeigenmedien gleich: betont lokale und sublokale Information bieten. Nicht unbedingt Standard ist jedoch der Redaktionsstil des Lüner Anzeigers. Es wird nicht nur berichtet, sondern auch kritisch hinterfragt und kommentiert. Rubriken wie die „spitze Feder“ greifen konkret Missstände und verbesserungswürdige Fakten in Lünen auf.

Immer wieder versucht man, die Leser zu beteiligen. Sei es durch Aktionen wie die „dicksten Dinger“, bei denen es um die größten Sonnenblumen oder Kürbisse etc. im eigenen Garten geht oder Aufrufe zur Beteiligung an Leserbriefmaßnahmen und Gewinnspielen. „Wir haben 1985 eine Aktion &Mac226;Mit dem Lüner Anzeiger in den Urlaub‘ gestartet, bei der es darum ging, sich mit dem Lüner Anzeiger im Urlaub fotografieren zu lassen“, so Darpe. „Noch heute bekommen wir Fotos von Lünern, die sich aktuell in ihrem Urlaub am Nordkap oder in der australischen Steppe mit einer Ausgabe des Lüner Anzeigers fotografieren lassen.“ Der eigene Verteilerdienst wird übrigens auch von offizieller Seite genutzt – egal, ob Mitteilungen der Stadt wie der jährliche Abfallkalender oder Säcke für Kleidersammlungen – alle schätzen die hohe Zuverlässigkeit des Vertriebsteams des Lüner Anzeigers.

Auch nicht gerade alltäglich ist die Aktion „Die geschenkte Seite“. Diese konnte von ortsansässigen Vereinen kostenfrei zur Selbstdarstellung und Mitgliederwerbung benutzt werden. Die Vereine konnten sogar auf das „Equipment“ des Lüner Anzeigers zurückgreifen. Man ist halt sehr „rührig“ in Lünen – und dieses Engagement zahlt sich auch aus. Und weil Erfolg letztendlich viel Spaß macht, ist das Team rund um Darpe fest zusammengefügt. „Fluktuation gibt es bei uns quasi überhaupt nicht – die Mannschaft steht seit X Jahren in der gleichen Formation.“

Ein fast ähnliches Bild bietet der Stadtanzeiger Castrop. Er gehört mit dem Lüner Anzeiger zu den ältesten Anzeigenmedien Deutschlands und der ORA. „Wir erscheinen ebenfalls zweimal die Woche, am Mittwoch und Samstag – jeweils mit einer Auflage von 38.400 Exemplaren“, so Gerd Voß, Objektleiter. Entstanden ist der Termin der Samstagsverteilung übrigens in der frühen Zeit des Stadtanzeigers Castrop-Rauxel. Kurz vor „Toresschluss“ wurden samstags noch die Ergebnisse der Fußball-Bundesliga in die aktuelle Ausgabe am Samstag eingebunden. Anschließend wurde die Ausgabe mit Hochdruck fertig gestellt, denn die komplette Verteilung musste bis 24.00 Uhr abgeschlossen sein. „Das hing mit dem Wettbewerbsrecht zusammen, das es untersagte, den Stadtanzeiger Castrop am Sonntag zu verteilen. Also musste die Ausgabe samstags bis 24.00 Uhr in allen Postkästen sein. Heute sind, aufgrund der geänderten Informationsstrukturen, die Bundesliga-Ergebnisse nicht mehr im redaktionellen Teil enthalten.“

Wie eng der Stadtanzeiger Castrop-Rauxel mit der Stadt und den Bewohnern verbunden ist, wird schnell an einer sehr ungewöhnlichen Tatsache deutlich. Das Anzeigenblatt enthält nämlich unter anderem auch die eigentlich für Tageszeitungen typischen Familienanzeigen zu Todesfällen, Geburten oder Glückwünschen. „Wir dürfen in diesem Bereich nicht einmal akquirieren“, so Voß. „Die ersten Inserenten sind einfach zu uns gekommen und haben ihre Anzeige aufgegeben. Der Bereich etablierte sich immer mehr und zählt heute zum Standard. Diesen Status und diese Akzeptanz haben nur wenige Anzeigenmedien in Deutschland und wir sind darauf natürlich sehr stolz.“

Eingebunden ist der Stadtanzeiger Castrop auch in das lokale Geschehen. Egal zu welchem Anlass ist die Redaktion vor Ort, zu Schützenfesten u.Ä. erscheinen regelmäßig Sonderseiten, man ist Mitglied in mehreren Werbegemeinschaften.

„Außergewöhnlich ist die starke Aufteilung des Erscheinungsgebietes. Castrop ist in drei fast autarke Gebiete gegliedert, die jedes für sich einen Nebenzentren-Status haben. Das bedingt betont sublokale Ausrichtungen, die wir erfüllen müssen“, erläutert Voß. Letztendlich werde man aber auch dieser Rolle gerecht und könne auf die positive Resonanz der Leser stolz sein.



WVW & ORA
Zeitungsgruppe WVW/ORA Essen/Lünen
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WVW- und ORA-Geschäftsführer Stephan Sattler beim Besuch im Medienhaus Blömeke.