Mit Kühltruhen gegen die Flutschäden

Papier ist grundsätzlich ein empfindlicher Rohstoff. Die Schäden, die durch die Überflutung zahlreicher Bibliotheken in Ostdeutschland und im benachbarten Ausland entstanden sind, können noch nicht im vollen Ausmaß beurteilt werden. Ist das Papier erst einmal vom Wasser durchtränkt hilft in der Regel nur eine – ungewöhnliche – Maßnahme: Einfrieren. Warum das so ist, erläutert der nachstehende Beitrag.

Die Schäden nach der Flutkatastrophe 2002 in Deutschland sind nur ein Teil der überregionalen Katastrophe. Nach Angaben der Unesco sind vor allem die Schäden in Prag und Südböhmen gewaltig. In der wissenschaftlichen Bibliothek in Budweis wurden 250 000 Bände zerstört, das Nationalmuseum für Technik in Prag-Karlin verlor sein gesamtes Archiv, die juristische Fakultät der Karls-Universität ein Drittel seiner Bestände. Das „Forum Bestandser- haltung“ an der Universität Münster berichtet, dass von den 70 000 Bänden des Prager Instituts für Archäologie nur etwa 600 unbeschädigt blieben.

„Mehrere Zehntausend Bücher, Handschriften und alte Urkunden befinden sich schon in Kühlcontainern“, berichtet Manfred Anders, Geschäftsführer des Leipziger Zentrums für Bestandserhaltung (ZFB). Bei minus 25 Grad habe man erst einmal Zeit gewonnen. Bei den gefrorenen Büchern könnten Druck- farben nicht verlaufen und eine mögliche Schimmelbildung werde gestoppt. Zum Glück seien die meisten Bücher nur nass und gering verschmutzt, sagt der Experte. „Die Sandsäcke vor den Bibliotheken haben wie Filter gewirkt und die schlimmsten Einwirkungen des Schlamms verringert.“

Die Bücher im Eis können zunächst warten. Nach und nach sollen sie wieder aufgetaut werden – allerdings nicht auf die normale Weise. Besteht beim Auftauen von Büchern die Gefahr, dass Schimmel wächst oder Farben verlaufen, so kann dies bei der Gefriertrocknung nicht passieren. Die Bücher kommen überhaupt nicht mehr mit flüssigem Wasser in Berührung – das Eis „sublimiert“ in dem Prozess, das heißt, es geht vom festen Zustand sofort in Wasserdampf über, der abgesogen werden kann.

Für die Gefriertrocknung müssen die Bücher in einer Druckkammer auf einen Unterdruck von mindestens 20 Millibar gebracht werden. Leicht erwärmt geht unter diesen Bedingungen innerhalb von Stunden alles Wasser in den Gas-Zustand über. Die Bücher sind anschließend allerdings so „staubtrocken“ und spröde, dass sie sehr vorsichtig behandelt werden müssen, damit sie nicht brechen. Erst nach einigen Stunden bei Zimmertemperatur nehmen sie wieder die normale Raumluftfeuchte an.

„Die Aktion kann Jahre dauern“, berichtet Rickmer Kießling vom Westfälischen Archivamt in Münster, der 25 Kubikmeter gefrorene Bücher aus dem Kirchenarchiv von Grimma übernommen hat. Ihre Anlage ist die einzige öffentliche in Deutschland. Außerdem existieren noch vier gewerbliche Anbieter. „In unsere Anlage gehen 1,5 Kubikmeter auf einmal hinein. Dabei kann die Trocknung bis zu 24 Stunden dauern“, sagt Geller. „Bücher können bis zum Doppelten ihres Gewichts an Wasser aufnehmen, und das sublimiert zuerst relativ schnell, danach aber immer langsamer.“

Es müssen also Prioritäten gesetzt und zuerst besonders wichtige, nachgefragte oder wertvolle Bände getrocknet werden. Die anderen bleiben in den Kühlhäusern, bis sie an der Reihe sind. Aber damit gehören sie bereits absehbar zu den geretteten Beständen. Viele Dokumente, die nicht innerhalb von 24 Stunden tiefgekühlt werden konnten, werden wohl nicht mehr gerettet werden können, sagen die Experten.

Weitere Informationen:
www.uni-muenster.de/Forum-Bestandserhaltung/notfall/flut
www.lwl.org/LWL/Kultur/Archivamt