Mehr als nur Theater:
RuhrTriennale lädt zu Entdeckungen ein

Mit einer fast 400 Jahre alten Tragödie fing sie an, mit einem achtstündigen Theater-Marathon wurde sie fortgesetzt und mit einer Uraufführung auf 12.000 Briketts ist sie noch lange nicht vorbei: Die Hauptspielzeit der RuhrTriennale.

War die Triennale im letzten Jahr noch eher zäh gestartet, wartet Intendant Gerard Mortier in diesem Jahr mit aufwendigen Produktionen und hochkarätigen Künstlern auf. Umso erfreulicher, dass sich der Einsatz an Mensch, Material und Millionen durchaus auszuzahlen scheint: Die Auslastungszahlen sind ordentlich, die Kritiken positiv (Racines „Phèdre“) bis euphorisch (Paul Claudels: „Der Seidene Schuh“), selten vernichtend (Alain Platels: „Wolf“) und allein die Spielorte – da zumeist ehemalige Industriehallen – sind eine Reise wert.

Eine lange Sommerpause wie Stadt- oder Landestheater macht die Triennale nicht, so dass in den nächsten Wochen und Monaten noch zahlreiche Inszenierungen auf die Zuschauer warten.

„Festspielhaus“ der Triennale ist die frisch renovierte Bochumer Jahrhunderthalle: Zuletzt feierte hier Mitte Juni in der Reihe „Kreationen“ das Stück „Sentimenti“ Premiere, eine Hommage an das Ruhrgebiet mit Texten aus Ralf Rothmanns Roman „Milch und Kohle“ und Musik von Giuseppe Verdi. Was gewagt klingt, macht nicht nur Sinn, sondern auch viel Vergnügen. „Sentimenti“ ist in der früheren Krupp-Halle ebenso noch im Juli zu sehen wie die Kreation von Robert Wilson in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord: „The Temptation of St. Anthony“. Die Produktion beruht auf dem Roman „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ von Gustave Flaubert; die musikalische Realisation liegt in den Händen der amerikanischen Komponistin und Historikerin Bernice Johnson Reagon.

Nächste Premieren sind im September „The Woman who Walked into Doors“ (6.9.) nach dem gleichnamigen Roman des irischen Autors Roddy Doyle in der Duisburger Gebläsehalle sowie Mozarts „Zauberflöte“ (7.9.) in der Bochumer Jahrhunderthalle. Dafür, dass die viel gespielte Mozart-Oper in einem völlig neuen Gewand daherkommt, sorgt die katalanische Aktions-Theater-Truppe „La Fura dels Baus“. Der Künstler Ilya Kabakov schuf das Bühnenbild für Olivier Messiaens Oper „Saint Francois d’Assise“, die ab 13. September in der Jahrhunderthalle zu sehen ist. Ebenfalls in der Jahrhunderthalle erlebt „Begehren“, ein Musiktheater-Experiment mit Texten von Ovid, Vergil, Broch, Pavese und Eich, seine Premiere. Für Regie und Choreographie zeichnet Reinhild Hoffmann verantwortlich.
Bei all diesen Großprojekten lohnt es sich, auf eine Reihe am Rand der Triennale hinzuweisen: Sie heißt „Century of Song“ und ist eine Verbeugung vor einer der populärsten Kunstformen des 20. Jahrhunderts: dem Lied. Die fünf Songprojekte – allesamt einem Thema untergeordnet – sind eine Hommage an Songwriter des 20. Jahrhunderts. Vielfalt ist auch hier Programm: Ob Wiener Schmäh bei einer musikalischen Reise „Rund um den Wiener Zentralfriedhof“ mit Wolfgang Ambros und anderen (12. Juli), ein Tribut an den Schöpfer von Mackie Messer, Kurt Weill – unter anderem mit Nils Petter Molvaer (20. September) – oder ein Abend mit italienischem Liedgut, dargeboten unter anderem von Alice (4. Oktober): „Century of Song“ lädt ein zu spannenden Entdeckungen und neuem Wiederhören. www.ruhrtriennale.de

(Fotos F.v.Gagern, Reinhaert Cosaert,