Kreative Kinder, kreative Buchstaben

In der letzten Ausgabe von eindruck wurde das Pop-up-Typografiebüchlein „Letters are like you and me“ für Kinder vorgestellt. Die Autorin, Gabriela Letzing, betonte, was sie mit den Buch vorrangig erreichen wollte: „mit Spaß spielerisch lernen“.

Auch bei einem typografischen Zusammentreffen in einer Berliner Waldorfschule sollte Spiel und vor allem Spaß im Vordergrund stehen. Während der ausgiebigen Recherche zum Thema Typografie für Kinder veranstaltete Gabriela Letzing zusammen mit Grundschülern einer dritten Klasse einen Workshop, um mit ihnen die Vielfalt der Buchstaben und deren individuelle Eigenschaften zu erforschen.

Letzing machte sich mit einer riesigen Kiste Typomaterial auf den Weg: Puzzles, Kärtchen, Kostüme, denen man verschiedene Schriftarten zuordnen kann, große Buchstaben aus Filz und Fotokarton, fantasiereiche Schreibwerkzeuge und andere mikrotypografische Hilfsmittel. Der versprochene Workshop rund um den Buchstaben war am Montagmorgen eine tolle und spannende Abwechslung zum normalen Schulalltag!

Die typografischen Objekte wurden in kleineren Gruppen verteilt und die Kinder konnten frei über die Verwendung im Spiel entscheiden. Da die Objekte wie bekannte Spiele (z.B. Memory) konzipiert waren, erklärten sie sich selbst und kurz darauf spielten alle mit den für sie bekannten und doch so fremden Objekten.

Theoretisches Hintergrundwissen bestätigte sich bei diesem Experiment sehr schnell. In puncto Kreativität haben Kinder Erwachsenen viel voraus. Sobald Kinder etwas anfassen können, werden sie kreativ und gehen spielerisch damit um. Ein Gegenstand wird zunächst von allen Seiten betrachtet. Unmittelbar danach wird befühlt, begriffen und erst dann die Schluss-folgerung gezogen.

Also landet das 30 cm große Ameisen-g auf dem Kopf und wird dann als Brille aufgesetzt. Für einen Erwachsenen wäre der Buchstabe ein Buchstabe, das kleine g – ob Ameisenform oder nicht: 1000-mal geschrieben, gelernt, xtausend-mal gesehen und für immer und ewig abgespeichert.

Schrift ist für Erwachsene in erster Linie Mittel der Kommunikation in schriftlicher Form. Das Aussehen eines Buchstabens ist, wenn überhaupt, zweitrangig und wird oft gar nicht mehr wahrgenommen. Deswegen sehen für viele die Textschriften alle gleich aus. So auch bei Auszeichnungs- und Schmuckschriften: Ein Erwachsener überlegt logisch und orientiert sich mehr an seinen Erfahrungswerten. Sein soziales oder sachliches Hintergrundwissen spielt dabei eine Rolle, wie und wo welcher Schrifttyp passen könnte. Ein Kind dagegen lässt eher die Fantasie entscheiden. Verkleiden und so aussehen wie die kleinen Zipfelchen an den Buchstabenenden! Schnell ist auch das typografische Puzzle zusammengesetzt. Puzzlespiele sind Kindern geläufig und Formen prägen sich blitzschnell ein.

Auch ein Kind der dritten Klasse entscheidet bereits nach eigenen Erfahrungen, wenn es darum geht, Schriften nach ihrem Einsatzzweck einzuordnen: Das Stoppschild bekommt genau die Schrift, die schlicht, fett und die, die in Versalien gesetzt wurde: «Hab ich draußen so gesehen!» Auf die Frage, warum nicht eine englische Schreibschrift (hier: die Shelley) auf dem Schild sitzen könnte, wird spontan geantwortet: «Weil die zu krakelig wäre» - ein Beweis, dass Kinder Verkehrsschilder auf der Straße sehr aufmerksam ansehen und auch ihren Sinn und Zweck erkennen. Dieses Projekt zählte zu einer Vorphase der Diplomarbeit von Letzing: „Eine typografische Wanderausstellung für Kinder.“ Wie durch Vorschriften und Regeln, von Erwachsenen aufgestellt, oft wunderbare Ideen der Kinder zunichte gemacht werden und wie man das Kreativitätspotential der Kinder beim Lesen und Schreiben vorteilhaft nutzen könnte, beschreibt die Autorin in ihrer theoretischen Arbeit.



Eine erfolgreiche Zusammenarbeit
Die Schüler machen den Druckbuchstaben lebendig. Schwupp, wird ein kleines g aufgesetzt. Formen und verschiedene Fonts zusammen- zu-puzzeln machen Lust und Laune, Schriftformen prägen sich ein. Oder wie wär’s mit einer Schrift, die zu einem Clown passt?

elaletzing@
hotmail.com