Der letzte eindruck

15 Jahre ist es her, als mit dem Mauerfall in Deutschland eine neue Ära begann, sich die Menschen freudetrunken in den Armen lagen, das Zeichen eines totalitären Systems mit den bloßen Händen malträtierten und niederrissen und sich auf eine gemeinsame Zukunft freuten – 40 Jahre Trennung schienen überwunden. Doch im Jahre 2004 ist von Euphorie und Gemeinsamkeit nicht mehr viel übrig geblieben. Der Osten musste einsehen, dass der Westen wenig mit dem märchenhaften Paradies gemein hat, in dem Milch und Honig fließen; der Westen glaubt im Osten den Schuldigen für die angespannte wirtschaftliche Lage finden zu können.

So verwundert das Ergebnis einer Umfrage hierzulande vielleicht nicht, laut derer rund 20 Prozent der Deutschen in Ost und West die Mauer wieder haben wollen. Auf reichlich Unverständnis stößt der Wunsch eines jeden Fünften in Deutschland allerdings im Ausland. Die Londoner Zeitung „The Independent“ kommentierte diese Tatsache unlängst mit einiger Verwunderung:

„Einige Leute glauben, dass die Welt in Wahrheit von Außerirdischen gelenkt wird oder dass die Queen das Oberhaupt eines internationalen Drogenkartells ist. Wenn man nur lange genug sucht, werden selbst die abwegigsten Einstellungen von irgendwem vertreten. Es kommt jedoch einem enormen Schock gleich, zu erfahren, dass ein Fünftel der Deutschen die Mauer zurückhaben will. Wie schlimm muss die Lage in Deutschland eigentlich sein, damit sich auch nur einige – geschweige denn so viele – Menschen dort nach dem Kalten Krieg zurücksehnen?

Das grundlegende Problem mit der deutschen Mentalität ist, dass Lösungen regelmäßig als Probleme betrachtet werden. Die Reform der Arbeits- und Sozialgesetzgebung wird zum Beispiel als Katastrophe gewertet, ohne zu bedenken, was die Alternative wäre. Die Bundesrepublik muss und wird sich ändern. Es ist faszinierend zu sehen, wie stark der Osten, die ehemalige DDR, jetzt schon umgestaltet ist. Als Außenstehender kann man unmöglich begreifen, wie sich Menschen, die eine so überaus interessante Epoche des Wandels erleben, nur wünschen können, dass alles beim Alten geblieben wäre.“